Interviews
04. August 2010
AUTOR: Businesscloud.de
Auf diesem Blog beschäftigen wir uns in einer kleinen Reihe mit dem Thema Öffentlichkeit in der Cloud. Der erste Beitrag dazu analysiert Apples Zensurpraxis für publizistische Inhalte auf dem iPod, iPhone und vor allem auf dem jüngst vorgestellten iPad. In diesem Post haben wir dazu einen Journalisten und Autoren befragt, der schon seit Jahren die IT- und Internet-Industrie beobachtet. Contantin Gillies ist freier Wirtschaftsjournalist und schreibt unter anderem für die Welt, Berliner Morgenpost, Handelsblatt, Welt am Sonntag, Financial Times Deutschland, FAZ, VDI-Nachrichten, Impulse und die Computerwoche. Neben seiner Arbeit als Journalist ist Gillies Autor mehrerer Sachbücher und Romane. Sein aktueller Roman "Der Bug" ist im Mai beim CSW-Verlag erschienen.

Herr Gillies, arbeiten Sie selbst mit einem iPad oder haben Sie schon mal eines benutzt?

Nein. Ich habe mir ein Gerät bei einem Bekannten geliehen und es ausgiebig getestet. Für meine Arbeit, also das Schreiben langer Texte, erschien es mir nicht geeignet - was nicht bedeutet, dass ich in Zukunft meine Meinung nicht ändern könnte. Ich werde auf jeden Fall warten, bis die überragende Displaytechnik des neuen iPhone mit fast 300 dpi Auflösung auch auf dem iPad verfügbar ist. Dann wäre wirklich eine augenfreundliche Alternative zur gedruckten Zeitung da.

Erwarten Sie, dass das iPad und die ihm zugrunde liegende Vermarktungstechnologie tatsächlich der Verlagswirtschaft die lang ersehnten Umsätze im Web bescheren wird?

Meine Erfahrungen sagen mir, dass die Technologie-Zukunft nie binär ist. Es gibt nie EINE Technik, die alle anderen sofort ersetzt. Genauso sieht es mit dem elektronischen Publizieren aus: Ich erwarte, dass vor allem Fachverlage und B2B-Medien mit iPad & Co. künftig ein gutes Geschäft machen. Andere Verleger wie Tyler Brulée (www.monocle.com) bringen derzeit neue Print-Magazine heraus und werden damit vermutlich auch erfolgreich sein.

Kennen Sie iPad-Applikationen von Printverlagen?

Ich kenne nur den ICONIST von Springer und die iPad Ausgabe von "Wired".

Welche Rolle könnte Ihrer Einschätzung nach das mobile Internet für die kommerzielle Entwicklung des Online-Journalismus spielen?

Eine große – allerdings um eine Ecke. Smartphones erlauben es, Werbeanzeigen an den Standort des Nutzers anzupassen. Das ist die Killer-Anwendung der kommenden Jahre (Apple fördert die Entwicklung ja mit seinem iAd-Modell)! Lokalisierte Werbung wird dem Online-Anzeigenmarkt einen extremen Schub verleihen – und somit auch das Budget für anspruchsvolle journalistische Recherchen verbessern.

Glauben Sie, dass Cloud Computing, also Ressourcen, Anwendungen und Daten aus dem Internet, den publizistischen Markt verändern werden?

Texte sind traditionell ja eher kleine Datenmengen. Doch das wird sich ändern. Dafür braucht man sich nur anzuschauen, welche multimedialen Feuerwerke "Wired" in seiner iPad-Ausgabe abbrennt. Die Trennung zwischen Text und bewegtem Bild wird in den kommenden endgültig verschwimmen. Spätestens dann könnte sich Publishing als Cloud-Anwendung durchsetzen.

Wie bewerten Sie, dass Apple die Content-Apps deutscher Medien wie Stern.de und BILD Online wegen expliziter Darstellungen von Nacktheit sperrt oder durch seine Zulassungskriterien für Apps redaktionell beeinflusst? Verletzt Apple das Recht auf Meinungs- und Pressefreiheit, wenn es etwa politisches Karikaturen aus seinem App-Store bannt?

Diesen Zensur-Streit sollte man ganz entspannt sehen. Ich persönlich würde niemals Geld für eine Publikation bezahlen, deren Inhalt von einer anderen Instanz als der Redaktion bestimmt ist. Andere Leute sehen das anders. Der Markt wird entscheiden. Grundsätzlich halte ich das "Walled Garden"-Modell von Apple auf lange Sicht für nichtzukunftsfähig. Das zeigt die Entwicklung auf dem Musikmarkt: iTunes hat lange Zeit den Markt mit kopiergeschützten Downloads beherrscht. Aber viele Konsumenten wollten sich nicht vorschreiben lassen, wie sie ein Produkt zu verwenden haben, und warteten ab. Dann kam Amazon mit völlig ungeschützten MP3s und hat binnen kurzer Zeit Apple Marktanteile abgejagt. Vielleicht bin ich in diesem Punkt ein Träumer: Aber ich glaube, dass die Stärke elektronischer Medien im wirklich freien Informationsaustausch besteht. Die Geschichte des Netzes ist gepflastert mit kleinen eingezäunten Gärten, die unter der Kontrolle eines Unternehmens standen und still und langsam verdorrten. Man denke nur an AOL.

Was sollten Ihrer Meinung nach deutsche Verlage in diesem Fall tun?

Aus geschäftlicher Sicht ist es vermutlich vorteilhaft, zunächst einmal nach den Regeln von Apple zu spielen. Doch es wird nicht lange dauern, bis ein Online-Medium mit dem Label "komplett unzensiert von Apple & Co." wirbt. Im Ernst: Meiner Meinung nach kann es sich ein Dickschiff wie Springer, das ständig seine Freiheitlichkeit betont, nicht leisten, seine Produkte von einer Firma am anderen Ende der Welt zensieren zu lassen. Axel Springer würde sich im Grabe herumdrehen.

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