Interviews
16. März 2010
AUTOR: Businesscloud.de

Passt Software von heute nicht in die Cloud?

Interview mit Khaled Chaar, Director Business Strategy bei Pironet NDH Datacenter

Bisher haben Anbieter eher eine verhaltene Nachfrage nach SaaS festgestellt. Wie hat sich das in jüngster Zeit entwickelt?

Als Anbieter für vorwiegend mittelständische Kunden können wir tatsächlich eine Trendwende in der Kundennachfrage nach SaaS ausmachen. Die Beschäftigung mit dem Thema SaaS hat in den letzten achtzehn Monaten deutlich zugenommen. Nicht nur konzerngroße Mittelständler, sondern auch Familienbetriebe bis etwa 300 Bildschirmarbeitsplätze zeigen sich deutlich offener gegenüber der Option, ihre Software nicht nur auszulagern, sondern auch aus einem SaaS-Pool zu beziehen. Wir erwarten, dass sich dieser Trend durch die Finanzkrise noch verstärken wird: Der zusätzliche Kostendruck bei den Unternehmen wird die Entscheidungsgrenze zwischen Customizing und standardisierten SaaS-Applikationen in Richtung SaaS verschieben, weil Unternehmen so deutlich schneller Kosten sparen und fixe Kosten in variable verwandeln.

Anwendungen stehen im Unternehmen ja nicht isoliert. Wie funktioniert die Zusammenarbeit von Anwendungen, wenn Software und Infrastruktur mittels Cloud Computing aus dem Netz bezogen werden?

Zunächst: Anwendungen aus der Cloud können durchaus auch isoliert genutzt werden. Bestes Beispiel ist die CRM-Lösung Salesforce.com. Anfangs bezweifelten bei Salesforce.com noch viele, dass es überhaupt möglich sei, ein ausgewachsenes CRM-System zu isolieren. Die Skeptiker sind inzwischen verstummt. Gerade bei kleineren Nutzerzahlen, etwa im Mittelstand, oder Einsteigergruppen wirkt sich das nicht störend aus. Trotzdem schließen sich Cloud Computing/SaaS und Anwendungsintegration per se nicht aus. Die meisten Softwarelösungen verfügen über Schnittstellen wie zum Beispiel eine API. Diese Schnittstellen funktionieren auch in der Cloud. Hinter der Frage nach den Schnittstellen steht ja die Erfahrung, dass sich insbesondere massentaugliche SaaS-Angebote in geringerem Maße an individuelle Anforderungen anpassen lassen wie lokale oder dediziert betriebene Lösungen. Doch herrscht hier kein Schwarz und Weiß vor. Es gibt viele Graustufen in der Anpassbarkeit. Insofern bieten auch Lösungen aus der Cloud Spielraum für das Customizing von Lösungen. Ganz spannend für diese Frage: Derzeit arbeiten die großen Softwarehersteller an Standards, um Anwendungen cloud- und SaaS-übergreifend miteinander zu vernetzen. Beispielsweise hat Salesforce.com eine neue API vorgestellt. Über diese Schnittstelle verbinden der CRM-Lösungs-Hersteller und Google ihre Cloudapplikationen. So können Salesforce-Kunden Google-Mail zur Pflege ihrer Kontakte nutzen. Die Übertragung der Kontaktdaten zwischen beiden Cloudsystemen erfolgt dank API nicht mehr umständlich per Copy&Paste, sondern vollautomatisch in beide Richtungen. Vorteil für den Kunden: Wozu er früher ein separates Integrationsprojekt aufsetzen und bezahlen musste, stellen ihm Salesforce.com und Google heute standardmäßig als Cloudschnittstelle zur Verfügung. Natürlich passt nicht jedes Beispiel so gut wie die Integration eines cloudbasierten E-Mail-Clients mit einem CRM-System. Trotzdem gibt es solche Schnittstellen, und ihre Zahl steigt aufgrund des wachsenden Bedarfs bei Kunden.

Neben dem Sicherheitsaspekt wird gegen Cloud-Computing- und SaaS-Modelle angeführt, dass dabei die Individualisierung an ihre Grenzen stößt. Was entgegnen Sie auf diese Kritik?

Um das zu beantworten, muss man zuerst den Unterschied zwischen SaaS und Cloud Computing klar machen. SaaS heißt, dass ich ein Stück Software miete und mich nicht mehr um den Betrieb kümmern muss. Cloud Computing heißt dagegen mehr: neben Software as a Service, wenn Sie so wollen, zusätzlich noch Infrastructure as a Service. SaaS-Umgebungen, also nicht dedizierte Umgebungen, lassen sich tatsächlich nur eingeschränkt an individuelle Kundenwünsche anpassen. Aus der Cloud kann ich sowohl vorgefertigte Anwendungen beziehen, beispielsweise Google Apps, als auch Infrastrukturleistungen wie Speicherplatz und Rechenkraft, etwa bei Amazon Elastic Cloud, wo es letztlich um CPU, RAM und Storage-Kapazitäten geht. Von Software as a Service in der Dimension einer Cloud spricht man in der Regel nur bei Systemen, auf die Zehntausende oder Millionen von Nutzern zugreifen, wie etwa bei den Google-Applikationen. Was heißt das jetzt für den Aspekt Customizing: Wenn ein Unternehmen Infrastruktur On Demand bezieht, steht es ihm frei, welche Art von Software es darauf betreibt und wie es diese einrichtet. Die Entwicklung geht indes dahin, dass Unternehmen künftig Infrastruktur UND Software on Demand beziehen und trotzdem Integrationswünsche auf dieser Plattform verwirklichen können. Voraussetzung ist eine durchgehende Virtualisierung der Rechenzentrums-Infrastruktur. Denn in virtuellen Umgebungen erhalten Kunden dann keine dedizierten physikalischen Server mehr, sondern exklusive virtuelle Instanzen. Welche Rechner darunter ihre Arbeit verrichten, spielt dann keine Rolle mehr. Das wird die klassische Aufgabenteilung im IT-Service und -Integrationsgeschäft auf den Kopf stellen. Es wird Dienstleister geben, die Infrastruktur und Softwarebetrieb On Demand vermieten und bei Sonderanforderungen Integrationspartner hinzuziehen, die dedizierte virtuelle Instanzen auf die Prozesse des Kunden zuschneiden. In der Sourcing-Strategie müssen dann Unternehmen entscheiden, welche Komponenten sie standardisiert nutzen und in welchen Bereichen, etwa bei Kerngeschäftsprozessen, sie Integrationsprojekte beauftragen. Die Arbeit der großen Softwarehersteller an entsprechenden Cloudschnittstellen wird diese Entwicklung weiter voranbringen.

SAP tut sich schwer, das erste Cloud-Computing-Angebot herauszubringen. Was macht Software, die für den Bezug aus der Wolke gedacht ist, aus? Warum tun sich etablierte Softwerker so schwer damit, ihre Produkte entsprechend zu verändern?

Wir alle nutzen heute Software, deren technologischer Kern zwanzig Jahre und älter ist. Der Umgang mit Ressourcen orientiert sich hierbei noch an Konzepten wie Fat Clients, Client-Server- und Mainframe-Architekturen. Cloud Computing stellt dagegen ein komplett neues Architektur-Paradigma dar. Wenn Sie eine gewöhnliche Software, wie zum Beispiel ein Office-Paket, als Cloud-Lösung bereitstellen wollen, also nicht für zehn oder hundert, sondern für Tausende oder Millionen von Nutzern, können Sie nicht auf klassische Infrastrukturkonzepte bauen. Was bei hundert Usern funktioniert, kann nicht gleichermaßen für die tausend- oder zehntausendfache Anzahl ausreichen. In der Wolke reden wir daher von völlig neuen Dimensionen in Sachen Bandbreite, Schnelligkeit, Vernetzung und Ressourcenverteilung. Hierzu müssen wir auch die Software-Architektur verändern und für die riesigen Größenverhältnisse robust machen. Beispielsweise benötigt eine Cloud-Lösung keine klassische Datenbank-Implementierung mehr, sondern muss auf einen Datenbank-Service innerhalb der Wolke zugreifen können. Auch in der Kommunikation zwischen Front- und Backend brauchen wir neue, intelligentere Ansätze, die deutlich weniger Bandbreite beanspruchen, um cloud-tauglich zu sein. Ansätze wie SOA, die auf Unternehmensebene vielfach ungeeignet, da zu groß dimensioniert sind, werden in den Clouds eine Renaissance erleben. Das alles wird neue Arten von Software hervorbringen, allerdings nicht über Nacht. Schließlich können die etablierten Hersteller ihre gewachsenen Lösungen nicht von jetzt auf gleich neu programmieren. So lange werden wir bestehende Software internet- und im Rahmen des Möglichen cloudfähig machen. Und bereits jetzt vermieten wir sie erfolgreich als Software as a Service. Langfristig jedoch werden wir Software von Grund auf anders entwickeln müssen für das kollektive Arbeiten im Netz.

Laut SAP gebe es Dinge, die man nicht in die Cloud auslagern könne, weil diese dann kollabieren würde. Zum Beispiel das Billing für 50 Millionen Kunden. Was halten Sie von dieser Aussage?

Das hängt davon ab, worüber wir reden: Software on Demand oder Infrastruktur aus der Cloud. In Hinblick auf SaaS hat Herr Apotheker sicherlich Recht. Auf Ebene der Infrastruktur hingegen nicht. Denn hierbei eignet sich eine Cloud ausdrücklich für das Abfangen von Spitzenlasten. Sein Beispiel ist ja: Ein Unternehmen rechnet einmal im Monat 50 Millionen Kunden ab. Das heißt, einmal im Monat benötigt es eine gigantische Kapazität und die übrige Zeit nur einen Bruchteil davon. Auf einer selbstaufgebauten Infrastruktur hätte das Unternehmen dann nur eine Effektivität von einem Dreißigstel – überspitzt gesagt. Daher übertragen bereits heute viele Unternehmen ihre Softwarelogik in eine Cloud und arbeiten dort die Spitzenlasten ab. Solche gigantischen Lösungen als SaaS anzubieten, macht hingegen keinen Sinn. Zudem wird die Zahl von Unternehmen mit derartigen Aufwänden weltweit sehr begrenzt sein.

Techconsult hat ermittelt, dass SaaS nicht in jedem Fall billiger ist als on premise. Im Gegenteil: Bei einer hohen Nutzerzahl ist es bei CRM-Software sogar teurer. Was sind Ihre Beobachtungen?

Ich kenne die konkrete Studie nicht. Doch darf man bei SaaS nicht Äpfel mit Birnen vergleichen. Viele SaaS-Angebote richten sich von der Preisgestaltung an Einstiegsgruppen mit kleineren Nutzerzahlen. Beispielsweise bietet Salesforce.com Unternehmen mit einer Hand voll Nutzern attraktive Tarife für wenige Euros. Allerdings darf man nicht den Fehler machen, die Preise für Kleinangebote auf Enterpriselevel einfach hochzurechnen. Dabei kommen sie auf Preise, die sich tatsächlich nicht rechnen. Aber jedes Unternehmen, das 500, 1000 oder mehr Nutzer mitbringt, wird sicherlich entsprechende Rabatte aushandeln.

Was ist für den Erfolg von SaaS/Cloud Computing nötig?

Für Software as a Service, wie wir es gegenwärtig nutzen und anbieten, sind alle wichtigen Voraussetzungen erfüllt. So verfügen wir heute über ausreichende und bezahlbare Bandbreiten. Vor acht Jahren war dem noch nicht so, ein Grund für das Scheitern von Application Service Providing. Für SaaS sehe ich keine großen Herausforderungen mehr, dass es sich am Markt durchsetzt. Dieser Prozess ist bereits in vollem Gang. Bei Cloud Computing gibt es tatsächlich noch eine Reihe von Baustellen, die ich bereits angedeutet habe. Beispielhaft will ich zwei nennen: Zum einen das Problem der Nutzerverwaltung beziehungsweise des Identitätsmanagements. Derzeit muss sich der Nutzer in jeder Cloud aufs Neue anmelden. Mein Account bei Google eröffnet mir selbstverständlich keinen Zugang bei Salesforce.com oder zu Acrobat.com von Adobe. Hierzu fehlen derzeit noch Standards für ein Single-sign-on. Es gibt konkurrierende Ansätze wie etwa Open-ID oder Microsofts Passport. Vorteil einer einheitlichen Lösung wäre die bessere Vernetzung zwischen verschiedenen Clouddiensten. Der andere Aspekt ist das Thema User Experience oder Bedienbarkeit. Heutige Nutzeroberflächen sind ausschließlich auf die Bedienung von Software zugeschnitten, die auf einem lokalen Rechner installiert ist. Darunter fällt auch etwa auch der so genannte Desktop, den wir gleichermaßen von Linux, Windows oder Mac OSX kennen. Diese Ansätze stoßen bei Cloud-Anwendungen an ihre Grenzen. Dort nutzt der Anwender Software über seinen Browser. Mittlerweile sind solche Dienste dank Flash oder Ajax fast wie gewöhnliche Applikationen zu bedienen. Die Entwicklung solcher Nutzeroberflächen für so genannte Rich Internet Applications steht indes noch am Anfang. Hier benötigen wir für die Zukunft neue Bedienstandards und wirklich cloud-taugliche Browser. Erste Ansätze kann man bereits heute testen, darunter Adobes Air-Ansatz unter acrobat.com. Microsofts Silverlight-Technologie oder Lösungen, die auf dem Google-Gears-Protokoll beruhen. Allen beschriebenen Aspekten gemeinsam ist der Bedarf nach neuen Standards für Cloud Computing, beim Datenaustausch, bei der Verteilung von Ressourcen, bei der Nutzerverwaltung und bei der Gestaltung von Nutzeroberflächen.

Seite teilen

Must Reads von anderen Tech-Seiten
silicon.de: Safe-Harbor-Nachfolger – EU-Datenschützer verlangen Nachbesserungen Weiterlesen

 

CANCOM.info: Drei Gründe für die Hybrid Cloud – Das leistet der Cloud-Mix in Unternehmen Weiterlesen

 

Scope Online: Cloud Computing in der Produktion – Drei Mythen über Business Cloud-Lösungen  Weiterlesen

Pressemitteilungen

Köln, den 9. März 2017: Der deutsche Cloud Provider Pironet hat erfolgreich die Prüfung des International Standard on Assurance ... Weiterlesen
Köln, den 21. Februar 2017: Das Research- und Beratungsunternehmen Experton Group/ISG und der Cloud Provider Pironet starten zur CeBIT den ... Weiterlesen
Köln, den 7. Februar 2017: Motel One, eine der führenden Hotelgruppen im Budget Design Segment, hat seine Büroarbeitsplätze in ... Weiterlesen
Köln, den 12. Januar 2017: Ab sofort finden Unternehmen auf dem BusinessCloud Marketplace von Cancom/Pironet auch Angebote zu Infrastructure und ... Weiterlesen