Analysen
28. August 2015
AUTOR: Businesscloud.de

Geldautomaten bewegen sich – in die Cloud

Sie gehören seit Jahrzehnten zu unserem Alltag. Die stummen Diener in Bankfilialen, an Flughäfen oder in Einkaufszentren. Die einen nehmen brav Münzen und Geldscheine entgegen und spucken dafür einen Verkaufsbeleg oder ein Ticket aus. Andere, die von Banken, sind freigebiger und versorgen den Benutzer mit Bargeld. Nach Angaben von NCR, einem der weltweit größten Hersteller von ATM-Systemen (Automatic Teller Machines), sind weltweit zwischen 2,2 Millionen und 3 Millionen solcher Maschinen im Einsatz.

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Ab in die Cloud: Anwendungen und Systemsoftware von Geldautomaten, Kassensystemen und Verkaufsautomaten werden künftig in Cloud-Rechenzentren vorgehalten. Hersteller solcher Systeme wie NCR und Wincor Nixdorf treiben diese Entwicklung voran.

An vielen dieser Maschinen scheint die Zeit spurlos vorübergegangen zu sein. Zumindest vermitteln etliche der Systeme den Schick eines Glückspielautomaten aus den frühen 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Doch es gibt auch fast schon „spacige“ Versionen, die einer Kreuzung aus einer Spielkonsole und den Steuerelementen eines Raumschiffs ähneln.

Der Geldautomat wird schlank

Was das technische Innenleben betrifft, waren solche Geld- und Verkaufsautomaten allerdings bislang nicht sonderlich aufregend. IT-technisch gesehen handelt es sich um „Thick Clients“. Das heißt, ein ATM-System ist ein vollwertiger Computer, nur in einem anderen Gewand, mit einem Prozessor, Arbeitsspeicher, Festplatte und einem Betriebssystem. Dabei handelt es sich laut NCR bei 75 Prozent der Systeme um das überholte Windows XP. Andere Schätzungen gehen von einem XP-Anteil von mehr als 90 Prozent aus. Das Dumme dabei: Microsoft hat dieses Betriebssystem Anfang April 2015 in dem Ruhestand geschickt. Das heißt, es werden auch keine Sicherheits-Updates für XP mehr bereitgestellt. Somit stellen solche ATM-Systeme ein Sicherheitsrisiko dar. NCR verlagert nun die Rechenleistung und Storage-Ressourcen bei seinem neuen System auf Basis der „Kalpana“-Plattform in die Cloud. Der Geldautomat wird zu einem Thin Client, der unter dem Betriebssystem Android läuft. Daten und die Anwendungssoftware kommen aus einem Cloud-Rechenzentrum.

Höhere Sicherheit – und niedrigere Kosten

Ein Vorteil von Cloud-basierten Geld- und Verkaufsautomaten ist die höhere Sicherheit. Am System selbst finden sich weniger Angriffspunkte für Manipulationen. Außerdem lassen sich Updates von Anwendungen und Systemsoftware zentral über das Cloud-Rechenzentrum bereitstellen. Das heißt im Gegenzug, dass dieses Datacenter besonders sorgfältig gegen Cyber-Angriffe abgeschirmt werden muss. Denn, so Kritiker des Cloud-Ansatzes, statt einzelne Automaten zu „knacken“ würden Kriminelle künftig versuchen, viele dieser Systeme auf einen Schlag zu kompromittieren: durch die Infiltration des zentralen Rechenzentrums. Für die Cloud-gestützte Version von ATM-Maschinen spricht jedoch ein weiteres Argument. Angeblich liegen die Managementkosten um etwa 40 Prozent niedriger. Eine Bank, die 100 solcher Systeme einsetzt, kann laut NCR zwischen 540.000 und 800.000 US-Dollar pro Jahr einsparen. Das ist in Zeiten, in denen sich Geldinstitute und der Einzelhandel in einem immer härteren Konkurrenzumfeld bewegen, ein schlagkräftiges Argument.

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NCRs „Automatic Teller Machine“ (ATM) der Reihe Cx110 basiert auf der Cloud-Plattform Kalpana. Als Betriebssystem kommt in dem Bankomaten Android zum Einsatz. Bild: NCR

Auch Deutschland arbeitet an Cloud-Geldautomaten

NCR ist zwar vorgeprescht. Doch auch dessen deutscher Rivale Wincor Nixdorf hat die Zeichen der Cloud erkannt. Das Unternehmen hat die Rolle eines „Verbundkoordinators“ im Rahmen des Forschungsprojekts Cloud Computing für sichere Finanztransaktionen in einer digital vernetzten Gesellschaft (SFC) übernommen. Das Projekt läuft noch bis zu Februar 2017. Das Ziel: die Entwicklung einer Cloud-Plattform zur Vernetzung von Banken, Geldautomaten und Überweisungsterminals für Finanzdienstleistungen. Dafür sollen, so die Initiatoren des Projekts, „Methoden der Hard- und Softwaresicherheit mit Ansätzen aus dem Cloud Computing kombiniert“ werden. Hinter dieser etwas kryptischen Beschreibung in „Projektdeutsch“ verbirgt sich beispielsweise die Entwicklung einer Verschlüsselungstechnik, die Manipulationen von Transkationen am Geldautomaten verhindern soll. So wird für Nutzer und deren Transkationen ein individueller Schlüssel erzeugt, der nur zu bestimmten Daten und Dateien passt. Ebenfalls zum Einsatz kommen hardwaregestützte Sicherheitssysteme des deutschen Unternehmens Utimaco. Sie verhindern beispielsweise, dass Cyber-Kriminelle ein Geldterminal aufbohren und mittels USB-Stick Schadsoftware darauf aufspielen.

Cloud-Plattform noch nebulös

Wie die Cloud-Plattform aussieht, die im Rahmen des SFC-Projekts entwickelt werden soll, ist allerdings noch unklar. Ein Problem dürfte darin bestehen, dass bislang die Banken und Sparkassen separate Cloud-Strategien verfolgen. Zudem mangelte es an Cloud-fähigen Endgeräten. Zwar hat Diebold bereits vor zwei Jahren einen Prototyp entwickelt. Doch dieser hat offenkundig bislang noch nicht den Durchbruch geschafft. Auch Wincor Nixdorf arbeitet an einem Konzept, das dem von NCR ähnelt. Kurzum: Geldausgabesysteme, Bankomaten und Verkaufsterminals werden höchstwahrscheinlich in die Cloud „wandern“.

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Diebold stellte bereits 2013 das Konzept eines Geldautomaten mit Anbindung an die Cloud vor. Bild: Diebold

Und damit Bankkunden die Terminals auch orten können, setzen mehrere deutsche Geldinstitute auf Smart Watches. Die Sparkassen und die DAB haben Apps entwickelt, die den Kunden mittels GPS zum Geldautomaten lotsen. Diese Funktionen stehen bereits für iOS- und Android-Mobilgeräte von Apple beziehungsweise Samsung, LG, Sony et cetera zur Verfügung.

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Suche nach dem Cloud-Geldautomaten mit Smart Watch: Etliche Banken, darunter die DAB, haben bereits Apps für die Apple Watch vorgestellt. Sie zeigen dem Nutzer unter andrem den Weg zu Bankomaten des Instituts. Bild: DAB

Außerdem haben Apple (Apple Pay) und Ende Mai 2015 auch Google (Android Pay) Verfahren für das Bezahlen mittels Smartphone vorgestellt. In Verbindung mit Bezahldiensten wie Paypal und Kreditkartenfirmen wie Mastercard, American Express und Visa könnten sie Bankautomaten bald Konkurrenz machen. Allerdings bleibt auch in diesem Fall die Cloud im Spiel. Die Kreditkartenunternehmen und Anbieter von Lösungen für das (Online-)Bezahlen greifen bereits seit einiger Zeit auf Cloud-Rechenzentren zurück, um für Zeiten besonders großer Nachfrage gerüstet zu sein, etwa für das Weihnachtsgeschäft.

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