Virtueller PC: Mittelstand entdeckt die Desktop-Virtualisierung

6. April 2011 | Von | Kategorie: Analysen, Featured Articles

Und er bewegt sich doch: Der Mittelstand in Deutschland erwärmt sich für die Vorzüge eines virtuellen PCs

Mittelständische Unternehmen, speziell deutsche, gelten als innovationsfreudig. Das zeigt der Erfolg, den viele mit ihren Produkten und Services weltweit haben. Gleichzeitig legen Mittelständler hier zu Lande jedoch ein solides Misstrauen an den Tag, wenn es um “Hype-Themen” geht. Das gilt auch für Cloud Computing und Desktop-Virtualisierung.

Der Desktop der Zukunft wird nicht mehr auf Endgeräten wie PCs lagern, sondern zentral über Rechenzentren bereitgestellt. (Bild: Pironet NDH)

Deshalb ist es umso erstaunlicher, dass ein Gutteil der Mittelständler in Deutschland laut einer aktuellen Studie von IDC auf Desktop-Virtualisierung setzt. Bei Firmen mit bis zu 200 PC-Arbeitsplätzen sind es immerhin 44 Prozent, bei Unternehmen mit 500 bis 999 Rechnerarbeitsplätzen gar 78 Prozent. Das ist mehr als in Großunternehmen mit mehr als 1000 Clients. Dort setzt “nur” die Hälfte der Unternehmen Desktop-Virtualisierung ein. Der Grund laut IDC: Firmen dieser Größenordnung haben häufig eine extrem heterogene Client-Landschaft. Diesen Wildwuchs müssen sie erst einmal beseitigen, Stichwort Konsolidierung, bevor sie ans Virtualisieren denken können.

Wer braucht denn einen virtuellen PC?

Doch warum spielen so viele mittelständische Firmen mit dem Gedanken, Desktop-Umgebungen zu virtualisieren? Sicherlich nicht, um ihre Mitarbeiter zu nerven. Denn viele Beschäftigte stehen virtuellen PCs reserviert gegenüber. Sie fürchten, dass sich ihr schöner, leistungsfähiger “Fat Client” durch ein schwachbrüstiges Thin-Client-System ersetzt wird, vielleicht sogar einen ausgemusterten Alt-PC, der gerade noch für den Terminal-Betrieb taugt. Oder dass sie plötzlich mit den paar Anwendungen vorlieb nehmen müssen, die ihnen die IT-Abteilung vorsetzt. Von wegen heimlich iTunes, einen anderen Browser oder lieb gewonnene Tools nachinstallieren.

Desktop-Virtualisierung ist nicht nur etwas für Großunternehmen. Laut einer Studie von IDC aus dem Jahr 2010 sind es vor allem mittelständische Firmen in Deutschland, die das Potenzial dieser Technik erkannt haben. (Bild: IDC)

Aber das ist natürlich nur die eine Seite der Medaille. Gerade mittelständische Unternehmen mit ihren flachen Hierarchien und ihrer hohen Flexibilität benötigen eine IT-Infrastruktur, die diese Faktoren gewissermaßen mitträgt. Virtuelle PCs sind daher eine gute Wahl. Ein Vorteil des Konzepts: Mitarbeiter können von unterschiedlichen Orten und Endgeräten aus auf einen virtualisierten Desktop zugreifen.

Bei Desktop-as-Service-Angebot von Pironet NDH beispielsweise lagern die Arbeitsumgebungen in einem Rechenzentrum. Über einen Browser ruft der Mitarbeiter “seine” Umgebung auf, egal, ob am PC im Büro oder vom Notebook oder einem System im Home-Office aus. Das heißt, Mitarbeiter sind deutlich flexibler und können zudem am Gerät ihrer Wahl arbeiten (siehe dazu auch unseren Beitrag zum Thema “Private IT-Geräte im Unternehmen”).

Lizenzen im Griff

Ein weiterer Pluspunkt von virtuellen PCs: Sie erlauben stringentes Management der Software-Lizenzen. Ungenutzte oder ausgemusterte Rechner, mit denen auch die darauf installierten Windows- oder Office-Pakete ungenutzt im Hardware-Lager vor sich hin dämmern, gehören der Vergangenheit an. Dass ungenutzte Software ein erheblicher Kostenfaktor ist, belegt eine Untersuchung der britischen Beratungsfirma Informatica: Demnach räumten 2010 an die 81 Prozent aller europäischen IT-Manager ein, dass in ihrem Unternehmen Anwendungen vorhanden sind, die keiner mehr benötigt beziehungsweise nutzt. Das verursacht unnötige Kosten, durch Lizenzkosten und durch die Tatsache, dass die Applikationen Speicherplatz und Serverleistung fressen, auch dann, wenn sie ungestört von den Zugriffen von Anwendern auf solchen Systemen “schlummern”.

Der “optimale” Client muss Anforderungen erfüllen, die schwer miteinander zu vereinbaren sind: Er soll sicher, flexibel, preisgünstig und leistungsfähig sein. (Bild: Experton Group)

Apropos Software: Da virtuelle PCs zentral bereitgestellt und gewartet werden, sei es vom hauseigenen Rechenzentrum oder dem eines Service-Providers, ist das Systemmanagement einfacher als in einer “bunten” IT-Welt. Da schlägt sich unter anderem in niedrigeren Support-Kosten nieder – ein Faktor, der häufig übersehen wird.

Außerdem lassen sich virtualisierte Desktop-Systeme schneller “ausrollen”, vor allem dann, wenn das ein Service Provider tut, etwa im Rahmen eines “Desktop-as-a-Service”-Angebots. Dazu wird eine weitere Virtual Machine mit Windows, Office, SAP und anderen gewünschten Anwendungen im Rechenzentrum freigeschaltet. Der Nutzer holt sich diesen Desktop über den Browser auf sein Notebook, den  Büro- oder Home-Office-PC oder Tablet-Rechner – fertig.

Sind virtuelle PCs sicherer …

Umstritten ist laut der Studie von IDC unter deutschen Unternehmen, ob Desktop-Virtualisierung mehr oder weniger Sicherheit für Daten und Anwendungen bringt. Die befragten Firmen gaben an, dass der höhere Sicherheitsgrad einer der Gründe ist, weshalb sie virtuelle PCs implementieren. Das Zentralisieren der Arbeitsumgebungen in einem hoch sicheren Rechenzentrum macht es einfacher, Sicherheitsmaßnahmen umzusetzen. Dazu gehören etwa das Einspielen von Patches, das Sichern von Daten (Backup) und die Installation eines zentralen Viren- und Spyware-Schutzes.

Nicht zu unterschätzen sind aber auch Faktoren wie Disaster Recovery (das Spiegeln von Daten in zwei oder mehr Rechenzentren) und die Zutrittskontrolle zum Rechenzentrum. All das zusammen ergibt unter dem Strich ein deutlich höheres Security-Niveau als in einer herkömmlichen Desktop-Umgebung. Und das wiederum ist aus Gründen des Datenschutzes und der Compliance ein echter “Mehrwert”.

… oder doch unsicherer?

Sind somit deutsche IT-Leiter schizophren, wenn sie dennoch Angst vor virtuellen PCs haben? Nein, denn es gibt natürlich sehr wohl Risiken, etwa weil viele virtualisierte Arbeitsplätze auf einem Server installiert sind. Das heißt: Einmal ein System hacken, und schon hat der Angreifer Zugang zu diesen Arbeitsumgebungen. Solche Hypervisor-Attacken nehmen nach Angaben von Sicherheitsfirmen wie Symantec zu.

Auf der anderen Seite ist es technisch und organisatorisch sehr wohl machbar, Server, Netzwerke und Speichersysteme gegen solche Attacken zu wappnen. Das schließt auch organisatorische Maßnahmen mit ein, etwa die Schulung der Mitarbeiter im Data Center, gegebenenfalls eine Sicherheitszertifizierung des IT-Betriebs nach ISO 27001. Speziell aufwändige Zertifizierungen sind jedoch für Mittelständler in der Regel zu aufwändig. Daher ist es eine Überlegung wert, das Bereitstellen der Desktops einem zertifizierten Service-Provider zu übergeben, wie beispielsweise Pironet NDH.

Die Anwendungen müssen “passen”

Eine weitere Herausforderung im Zusammenhang mit virtualisierten Desktops besteht darin, jedem Nutzer die benötigten Applikationen bereitzustellen. Nach Studien der Beratungsgesellschaft Experton Group setzen die meisten Unternehmen in Deutschland zwischen 20 und 50 Kernanwendungen ein. Hinzu kommen 500 bis 5.000 Spezialapplikationen – also ein wahrer “Zoo”. Sie müssen getestet und an eine virtualisierte Desktop-Umgebung angepasst werden.

Doch dies hat auch eine gute Seite, bietet sich in diesem Fall doch die Gelegenheit, den Verhau von Anwendungen kritisch zu analysieren und zu konsolidieren – siehe die Untersuchung von Empirica zu nicht genutzten Software-Lizenzen. Das vereinfacht das Management der IT-Umgebung und spart Lizenzkosten.

Das Betriebssystem aus der Cloud

Somit sprechen etliche Faktoren dafür, die klassische Desktop-Umgebung auf den Prüfstand zu stellen und sich mit neuen Konzepten wie Desktop as a Service zu beschäftigen. Das bedeutet ja nicht, dass ein mittelständisches Unternehmen sofort alle Rechner auf dieses Konzept umstellen muss. Es bietet sich an, Feldversuche durchzuführen, etwa in einzelnen Abteilungen.

Übrigens hat auch Microsoft, die mit dem Destop-Computing alter Prägung groß geworden ist, die Zeichen der Zeit erkannt. In diversen Blogs wird heftig darüber spekuliert, dass “ServiceOS”, ein Betriebssystem, das nach Windows 8 auf der Bildfläche erscheinen soll, ein “Cloud-fähiges” System sein wird. Der Kern von ServiceOS soll demnach auf Servern in Rechenzentren lagern, sei es bei Microsoft selbst, sei es bei einem Service Provider wie Pironet NDH. Die Clients greifen dann über das Internet und mittels Browser auf Anwendungen und eine Desktop-Umgebung zu, die der Service-Provider oder das eigene Rechenzentrum zentral bereitstellen.

Wann ServiceOS oder ein vergleichbares Konzept marktreif sein wird, steht noch in den Sternen. Doch Ansätze wie dieser machen klar, wohin die Reise geht: Weg vom “fetten” Client-System hin zu einer IT-Umgebung, die auf virtualisierten Desktops basiert, die von jedem Endgerät aus zugänglich sind.

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2 Kommentare auf "Virtueller PC: Mittelstand entdeckt die Desktop-Virtualisierung"

  1. […] und es kann weiter gehen. Ein schönes Gefühl so geräteunabhängig zu sein. Nicht ohne Grund beschäftigen sich viele mittelständische IT-Entscheider mit dem Thema Virtual Desktop Infrastructure (VDI) und Investitionen in virtuelle Desktops aus der […]

  2. […] sagt Jörg-Dieter Biernetzki, Geschäftsführer bei der WIR- und IRW-Unternehmensgruppe. „Die Cloud-Desktops machen die lokale Wartung unserer PCs überflüssig, ebenso wie das manuelle Aufspielen von […]

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