Interviews
26. Oktober 2010
AUTOR: Businesscloud.de
Auf der Münchener Pressekonferenz der Experton Group, bei der die Marktforscher ihre neuen Anwenderstudie vorstellten, diskutierten wir mit Katrin Hofmann, Redakteurin beim Informationsportal IT-Business News, darüber, wie Cloud Computing das Anbieterfeld im IT-Service-Markt aufmischen wird. Daraus entstand dieses Interview mit Khaled Chaar, das im Onlineportal der IT-Business News erschienen ist.

ITB: Wie entwickelt sich die Wettbewerbssituation im Cloud-Umfeld?

Sortiert man die Wettbewerbslandschaft im IT-Service-Markt nach Eigenbetrieb und Fremdbetrieb einerseits und Wertschöpfungstiefe andererseits geht der Trend in Richtung Cloud und weg von Basisdiensten. Das führt auch zu Rochaden im Anbieterfeld: Telekommunikations-Dienstleister zum Beispiel verdienen immer weniger mit Telefonie und Breitband. Da viele schon vorher über eigene Rechenzentrumskapazitäten verfügten, versuchen sie nun, ihre Services aufzuwerten – bewegen sich damit in das klassische Geschäftsfeld von Outsourcing-Spezialisten vor. So bieten Telkos wie die Deutsche Telekom mittlerweile Software as a Service oder IP-TV aus ihren Rechenzentren. Auch die Hardwareindustrie will auf diesen Zug aufspringen. Wenn der Betrieb von Softwareapplikationen zusehends in Cloud-Infrastrukturen zentralisiert wird, sinkt in der Fläche die Nachfrage nach leistungsfähiger Serverhardware beziehungsweise bündelt sich auf wenige große Rechenzentrumsbetreiber, die aber teilweise ihre eigenen Hardware entwickeln wie etwa Google. Entsprechend könnten die etablierten Hersteller statt dessen ihre Geräte selbst nutzen und in eigenen Rechenzentren betreiben. All das macht Hardwarehersteller auch zu Übernahmekandidaten, wie beispielsweise Sun, die von Oracle geschluckt wurden und nun die „Kisten“ für Ellisons „Cloud in a Box“ liefern.

ITB: Wie beeinflussen Software-Anbieter oder große Cloud-Provider die Wettbewerbslage?

Wenn Softwarehäuser ihre Applikationen nicht mehr per Lizenz und Datenträger verkaufen, sondern als Service aus der Cloud anbieten, könnten Betriebs- und Integrationsdienstleister hinten überfallen – sofern sich das Anpassen der Software an individuelle Kundenwünsche in Grenzen hält. Auch große Cloud-Provider könnten, bei stark standardisierten, skalierbaren Lösungen, sich mit ihren Self-Service-Oberfläche direkt vor den Kunden schieben und somit manche Dienstleister- oder Partnerschicht überflüssig machen. Im SAP-Umfeld wiederum fürchten Systemhäuser eigene Integrationsaktivitäten ihrer Rechenzentrums-Partner. Dies könnte sich mit SAPs SaaS-Variante Business ByDesign verschärfen.

ITB: Was können ITK-Anbieter tun?

Entscheidend wird in Zukunft die Frage sein: Wer ist Inhaber der Kundenbeziehung? Große Public-Cloud-Provider, Softwarehersteller, Systemhäuser und Reseller oder Outsourcing-Dienstleister wie die Pironet NDH Datacenter? Dabei gilt: Mit dem allmählichen Verschwinden des Eigenbetriebs verringert sich auch die Kontaktfläche des Unternehmens zum Innenleben der IT. Fragen des Betriebs, des Lizenzmanagements, der laufenden Modernisierung, des Know-hows werden im fernbetriebenen Backend verschwinden. Der Geschäftskunde interessiert sich nur noch dafür, ob der Service aus dem Netz sein Problem löst. Entsprechend unwillig werden Unternehmen auf komplexe Dienstleisterverflechtungen und die daraus entstehenden Schwierigkeiten hinsichtlich Projektabwicklung, Service Levels, Gewährleistungen und dergleichen reagieren. Die Konsequenz: Heutige spezialisierte Dienstleister werden ihre Kompetenzen erweitern müssen: Systemhäuser und Softwarehersteller für den Betrieb von IT-Landschaften, Outsourcing-Dienstleister ihr Integrations- und Entwicklungs-Know-how. Reseller werden sogar teilweise verschwinden.

ITB: Treibt ITK-Dienstleister die Sorge um, dass die Hersteller-Partner mittel- oder langfristig auch mehr Cloud- beziehungsweise Service-Geschäft direkt abwickeln?

Das kommt darauf an, wie stark sich eine Lösung oder ein Dienst standardisieren lassen. Nehmen wir als Beispiel ein Officepaket wie das von Microsoft. Das ist sprichwörtlich ein Massenprodukt. In Unternehmen macht die Lizenzgebühr für eine solche Software nur einen Bruchteil der tatsächlichen Kosten aus. Installation, Patch-Management, Backup und Restore, all das verursacht nicht zu unterschätzende Personalkosten. Zum anderen ist Office ein Standardprodukt, das in der Regel kaum oder gar nicht an individuelle Kundenwünsche angepasst werden kann. Vor allem große Anbieter wie Microsoft sind in der Lage die sich hierbei bietenden Größenvorteile zu nutzen. Fazit: Je standardisierter eine Lösung, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass große Provider hier das Geschäft machen werden. Microsoft wird dagegen wohl kaum Aktivitäten entwickeln, um auch SAP für seine Kunden zu betreiben. Es geht also um Spezialisierung und Standardisierung.

ITB: Wie sieht es bei Individuallösungen aus und was sind aus Ihrer Sicht Erfolgsrezepte?

Wo eine Lösung an die Geschäftsprozesse und lokalen Anforderungen eines Unternehmens angepasst werden soll, sieht es ganz anders aus. Hier können große Provider kaum ihre Skalenvorteile ausspielen. Dieses Geschäft verursacht hohe Personalkosten und profitiert von echter Kundennähe, beispielsweise das klassische Integrationsgeschäft und das ITK-Outsourcing. Trotzdem wird sich auch hier das Partner-Ökosystem umschichten, wie eben schon angedeutet. Der Wettbewerb unter derzeitigen Partnern wird zunehmen. Anstatt nur abstrakte Kompetenzen, wie die On-Demand-Bereitstellung von IT-Diensten, zu bieten, werden etwa ITK-Outsourcing sich durch Self-Service-Oberflächen und mehr Nutzerfreundlichkeit vom Wettbewerb abheben müssen. Dem stellen wir uns bei der Pironet NDH Datacenter beispielsweise, indem wir unser gesamtes Angebot für Software as a Service zu einer Lösung zusammenfassen, die künftig eben Self-Service-Oberflächen, automatisches Reporting und schließlich den kompletten Desktop aus der Cloud bieten wird.

ITB: Wie können sich Outsourcing-Dienstleister außerdem am Markt zukunftssicher positionieren?

In unserem Fall konzentrieren wir uns ausschließlich auf den gehobenen Mittestand von 200 bis 1000 Bildschirmarbeitsplätzen. Diese Klientel steht isolierten Angeboten aus der Cloud kritisch gegenüber. Gleichwohl haben die Marktforscher der Experton Group in ihrer aktuellen Anwenderstudie ausgerechnet dieses Segment als künftigen Nachfragemotor für Cloud Computing identifiziert. Darum verkaufen wir hier nicht isolierte Cloud-Dienste, sondern bauen Cloud-Technologien und -Services als Bausteine in ein ganzheitliches Angebot ein. So kümmern wir uns bei vielen unserer Kunden zugleich um die Vernetzung zwischen Standorten und die Breitbandanbindung an unsere Rechenzentrumsinfrastruktur. Dadurch reduzieren wir bereits heute Partnerschichten und können unseren Kunden zum Teil über die gesamte IT-Landschaft hinweg einheitliche Service Levels zusichern, inklusive Sicherheitskonzept. Dieser Ansatz birgt die Herausforderung, ständig neue Kompetenzfelder zu erschließen, weil unser Ziel ist, der zentrale Ansprechpartner in Sachen IT für ein mittelständisches Unternehmen zu sein. Hierbei gibt der On-Demand-Ansatz das Leitmotiv für die Weiterentwicklung aller Dienste. Wir fassen unser ganzheitliches Angebot deshalb unter der Idee der Business-Cloud zusammen. Langfristig kann die Entwicklung im IT-Service-Markt dazu führen, dass wir manche Dienste auch von externen Großprovidern beziehen, sofern das der Kunde wünscht, Beispiel Office-Systeme. Dann verantworten wir die Interoperabilität mit den übrigen Teilen der IT-Landschaft. Hierbei fungieren wir dann als Aggregator von Cloud-Diensten.

ITB: Wie entwickelt sich bei Pironet NDH Datacenter das Cloud-Geschäft?

Da Pironet NDH Datacenter ein Tochterunternehmen und Teil einer Aktiengesellschaft sind, nennen wir aus kapitalmarktrechtlichen Gründen keine isolierten Umsatzzahlen. Trotzdem zeigt sich heute schon, dass unsere Cloud-Dienste am stärksten wachsen und auch Geschäft aus dem Bereich Managed Hosting absorbieren. Selbst dedizierte Lösungen betreiben wir inzwischen nahezu vollständig in virtualisierten Umgebungen, die Rechenleistung und Speicherplatz aus der Cloud beziehen. Wenn beim Outsourcing möglichst viele Leistungen standardisiert über Cloud-Modelle bezogen werden, liegt hierin gerade für Mittelständler auch die Chance, ihre Systemlandschaft zu konsolidieren und Kosten stärker nach ihrem aktuellen Geschäftsbedarf auszurichten.

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