Analysen
17. Juni 2014
AUTOR: Businesscloud.de

Salto infernale: Windows kommt aufs Chromebook

Man nehme ein Betriebssystem, gebe es als Open-Source-Software frei und erobere damit den Weltmarkt. Mit Android ist das Google gelungen, sehr zum Ärger von Apple. Denn dieser Hersteller sah sich dadurch erheblich in seinen Ambitionen beeinträchtigt, eine „Mobile Welt in Weiß“ zu schaffen, mit einem großen umzäunten Garten, in dem die Apple-User lustwandeln sollten – aber bitte sehr: ausschließlich in besagtem App- und Content-Garten. Doch was bei Android so gut funktioniert, erwies sich für Google auf einem anderen Feld bislang eher als Flopp: bei Notebooks und Workstations. Auch hier wollte das Unternehmen neue Maßstäbe setzen – mit Chrome OS. Dieses Betriebssystem, ebenfalls als Open Source zur Nutzung freigegeben, sollte in radikaler Form das Cloud-Zeitalter auf den Rechner bringen, nach dem Motto: Ab mit den Anwendungen und den Daten in die Cloud – die von Google natürlich. Also auch ein „Walled-Garden-Modell“, nur eines von Google.

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Einige Anbieter wie Toshiba haben Notebooks mit dem Betriebssystem Chrome OS im Angebot. Nun wollen Google und VMware solche Rechner als Client nutzen, auf dem eine virtualisierte Version von Windows läuft. (Bild: Toshiba)

Keiner mag Googles Cloud-Notebooks

Doch so recht wollten und wollen sich Anwender, vor allem Unternehmen, nicht mit diesem Konzept anfreunden. Dies umso mehr, seit Edward Snowden über die Schnüffelaktivitäten des US-Geheimdienstes NSA auspackte. Denn dessen Neugier zielt auch auf die Daten, die Kunden von amerikanischen IT-Unternehmen und Cloud-Service-Providern auf deren Servern speichern. Auch solche Faktoren haben dazu beigetragen, dass Chromebooks, die als preisgünstige Alternative zu Windows- und Mac-Mobilrechnern angepriesen werden, bei Anwendern bislang auf keine sonderlich große Resonanz stoßen. Die Marktforschungsfirma IDC taxierte den Marktanteil von Chromebooks auf dem PC-Markt 2013 auf gerade einmal 1 Prozent. Auch künftig sieht es eher mau für dieses Rechner aus: IDC geht 2017 von 6 Millionen verkauften Systemen aus. Das entspricht einem Marktanteil von 2 Prozent – nicht gerade eine Erfolgsstory.

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Mithilfe von Horizon View von VMware und einer Private Cloud können Unternehmen virtualisierte Desktops bereitstellen, im Rahmen eines Desktop-as-a-Service-Konzepts. (Bild: VMware)

Über Windows aus der Cloud zum Erfolg

Nun soll es ein weiterer Lieblingsfeind von Google richten: Microsoft, besser gesagt dessen Windows. Mit Google Docs (respektive neuerdings Google Drive) versucht Google, Microsofts De-facto-Monopol auf dem Gebiet der Office-Anwendungen zu Fall zu bringen. Dies bislang mit mäßigem Erfolg. Nach Angaben der amerikanischen Markforschungsgesellschaft Forrester Research bewegt sich der Marktanteil von Google Drive derzeit bei etwa 5 Prozent. Wie sich die Cloud-basierte Office-Lösung von Google gegenüber dem ebenfalls Cloud-gestützten Office 365 von Microsoft künftig schlagen wird, ist unter Fachleuten umstritten: Die einen sehen durch Google Drive das Ende von Microsoft Office nahen, andere verweisen auf besagte Marktdaten. Zudem zeigt sich Microsoft neuerdings höchst flexibel, was seine Strategie in Sachen Office betrifft: So sind Word und Co. nun auch für Apples iPad verfügbar,  noch vor dem einem entsprechenden Release für die hauseigenen Windows-8-RT-Tablets.

Desktop as a Service auf dem Chromebook

Doch zurück zu Chrome OS und Windows: Zusammen mit VMware hat Google nun für Chromebooks virtualisierte Desktop-Umgebungen angekündigt – unter Windows. Die virtualisierten Desktops werden über VMwares DaaS-Service (Desktop as a Service) auf die Chromebooks übertragen. Das heißt: Auf Chromebooks laufen nun auch Windows und damit Windows-Anwendungen. Das ist bereits jetzt möglich, wenn ein Unternehmen VMware Horizon View 5.3 einsetzt. Doch bei diesem Ansatz muss die IT-Abteilung selbst eine Cloud-Umgebung aufbauen. Man kann sich vorstellen, dass dies wahrlich nicht jedermanns Sache ist, sei es, weil die IT-Abteilung nicht über das entsprechende Know-how verfügt, sei es, dass sie schlichtweg nicht die Zeit hat, eine solche Infrastruktur einzurichten. Business_Cloud_DaaS_Chromebook_Devices_Chromium_Project

Etliche der führenden Notebook-Hersteller haben bereits Chromebooks vorgestellt. Im Vergleich zur riesigen Auswahl von Windows-Systemen machen sie allerdings nur einen Bruchteil des Marktes aus. Bild: Chromium Project

Beim DaaS-Service von VMware wird der Windows-Desktop dagegen über Rechenzentren des besagten Anbieters auf dem Chromebook bereitgestellt. Der Nutzer muss keine Virtual Desktop Infrastructure etablieren und vor allem managen. Google wirbt denn auch für die Kombination Chromebook / VMware / Windows mit dem Argument, die Kosten seien niedriger als beim klassischen Ansatz, also dem Einsatz von Windows-Notebooks. Allerdings muss sich erst noch zeigen, wie hoch die tatsächlichen Kosten dieses IT-Mixes in der Praxis ausfallen.

Und wer braucht das?

Das DaaS-Angebot der Google / VMware hinterlässt allerdings einen zwiespältigen Eindruck. „Warum in aller Welt soll ich ein Chromebook nutzen, um darauf Windows laufen zu lassen?“, werden sich Unternehmensanwender fragen. Und das zu Recht. Denn das derzeit günstigste Chromebook, das Acer C720 (vom Oktober 2013), kostet im Online-Versandhandel derzeit rund 230 Euro. Es ist mit einem Intel-Celeron-2955U-Prozessor, 2 GByte RAM und einer 16-GByte-SSD ausgerüstet. An die 30 Euro teurer ist das nächstfolgende Modell, ein Samsung 303C12 aus dem Jahr 2012. Ein Windows-Notebook mit Windows 8 beziehungsweise Windows 8.1 ist bereits ab etwa 350 Euro zu haben. Und dies sind keine Systeme von No-Name-Herstellern, sondern von HP, Asus, Lenovo et cetera mit akzeptabler Ausstattung, etwa einem Zweikern-Prozessor und genügend Arbeitsspeicher von 4 bis 8 GByte. Business_Cloud_DaaS_Chromebook_HP

Nein, falsch: Auf Chromebooks wie dem von HP sollen nicht nur Chrome OS und die Google Apps laufen, sondern auch Windows, das „normale“ Office und andere Tools, die Microsofts Betriebssystem voraussetzen. Bild: HP

In Kommentaren zu Meldungen über die Kooperation zwischen VMware und Google wurde ein weiterer Punkt angesprochen: Vorhandene Windows-Lizenzen könnten nicht „mal eben schnell“ auf die virtualisierte Version übertragen werden. Microsoft unterscheidet explizit zwischen Lizenzen für physische Rechner und virtualisierte Desktops. Einfach eine Lizenz von einem ausgemusterten PC auf den Virtual Desktop zu übertragen, funktioniere daher nicht. Das bedeutet nach Einschätzung einiger IT-Fachleute Kosten durch Windows-Lizenzen.

Die Sache mit den Daten

Und das ist ein weiterer Punkt, der speziell Firmenanwender seit den Enthüllungen über die Datenspionage amerikanischer und britischer Geheimdienste beschäftigt: Cloud – ja, gerne, aber bitte so, dass keine Gefahr besteht, dass personenbezogene und Geschäftsdaten außerhalb Deutschlands oder gar der EU landen. Genau das ist bei Angeboten von amerikanischen Service-Providern eben nicht auszuschließen, aller Beteuerungen solcher Anbieter zum Trotz. Denn nötigenfalls können diese per Dekret gezwungen werden, Daten von Kunden an US-Behörden herauszugeben, auch wenn sie ihre Cloud-Rechenzentren hierzulande betreiben. Fazit: Chromebooks? Im Unternehmensumfeld wohl eher nicht. Und wenn, dann aber mit Chrome OS und als Alternative zu Mac OS und Windows. Nicht aber eine Konstruktion, bei der einem Chromebook Windows aufgepfropft wird.

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