Analysen
12. Juli 2013
AUTOR: Businesscloud.de

Die Cloud kann zum wichtigen Wirtschaftsfaktor der EU werden

Man kann wirklich nicht behaupten, dass Cloud Computing an Europa spurlos vorüberzieht. Die Zahl der Nutzer von Cloud Computing-Services nimmt zu. Auch das Angebot entsprechender Dienste wird größer – und vor allem differenzierter. Doch auch die Politik bewegt sich, sprich hat die Cloud auf der Agenda. Ein Beispiel ist die Europäische Kommission. Sie zeigt sich extrem rege, was Statements, Thesenpapiere und Vorschläge um Thema Cloud Computing betrifft. Ein aktuelles Beispiel dafür: Die Kommission hat in einem Thesenpapier, das sich unter anderem an das Europäische Parlament, und den Europa-Rat richtet, das Potenzial, aber auch einige „Schmerzpunkte“ von Cloud Computing aufgelistet.

Europa setzt auf die Cloud, und die Europäische Kommission macht Dampf. Ein Ziel: Einheitliche Rechtsvorschriften, Verträge und Standards im Bereich Cloud Computing.

Zunächst die guten Nachrichten: Durch den Einsatz von Cloud Computing können 80 Prozent der Unternehmen zwischen 10 und 20 Prozent der IT-Kosten einsparen, so eine Untersuchung der EU-Kommission. Weitere positive Effekte der Cloud: eine höhere Produktivität der Mitarbeiter (in 41 Prozent der Fälle), neue Geschäftsoptionen (33 Prozent) und eine deutlich höhere Agilität und Mobilität der Mitarbeiter (46 Prozent).

250 Milliarden Euro bis 2020 möglich

Besonders wichtig für Deutschland mit seinen vielen mittelständischen Unternehmen ist, dass vor allem Firmen dieser Kategorie von Cloud Computing profitieren. Sie haben dank der Cloud Zugang zu vergleichbaren IT-Services wie Großfirmen. Zudem können KMU (Kleine und mittelständische Unternehmen) Cloud Computing-Services auch dann nutzen, wenn sie nicht in einer Metropole oder einem Wirtschaftsgroßraum angesiedelt sind, sondern über eine Breitbandverbindung auf ein entferntes Cloud-Rechenzentrum zugreifen. Der EU-Bericht umschreibt dies etwas blumig mit „die Tyrannei der Entfernung überwinden“. Apropos blumig: Generell, so die Europäische Kommission, sei Cloud Computing ein wichtiger Schritt, um der EU den „Schritt ins 21. Jahrhundert“ zu ermöglichen und die Vision von „Every European Digital“, also dem „digitalen“ Welt- oder besser gesagt EU-Bürger wahr werden zu lassen. Soweit die Digitale Agenda, der EU, die unter der Leitung von EU-Kommissarin Neelie Kroes erarbeitet wird. Etwas prosaischer formuliert: die Cloud bringt Geld, und zwar nicht wenig. Die EU-Kommission schätzt, dass alleine Public Cloud-Services im Jahr 2020 rund 250 Milliarden Euro zum Bruttoinlandsprodukt beisteuern, vorausgesetzt, die EU entschließt sich zu einer „Cloud-freundlichen“ Politik. Wenn nicht, bleiben nur 88 Milliarden Euro.

Und nun zu den Hausaufgaben

Doch das Papier geht auch auf etliche Punkte ein, die im Zusammenhang mit Cloud Computing suboptimal sind und besagtes Wachstumspotenzial torpedieren könnten. Dazu zählen
  • der zersplitterte Markt, bedingt durch die unterschiedliche nationale Gesetzgebung in den Mitgliedsstaaten,
  • die Besorgnis von potenziellen Cloud Computing-Anwendern bezüglich der Gestaltung und Einhaltung von Verträgen durch Service-Provider. Zentrale Punkte sind der Zugang zu den Daten in einer Cloud-Umgebung sowie die „Besitzverhältnissen“ in Bezug auf diese Informationen, außerdem Haftungsfragen, etwa bei Ausfall von Cloud-Services,
  • die Vielzahl von Normen, Spezifikationen und Standards, welche die Interoperabilität von Cloud-Services und den Wechsel von einem Cloud Computing-Anbieter zu einem anderen erschweren.
Alle drei Punkte haben es in sich. Der erste, sprich Zersplitterung des Marktes, hängt unter anderem eng mit divergierenden Copyright-Vorschriften zusammen, die wiederum die Lizenzierung von digitalen Inhalten über die Grenzen von EU-Staaten hinweg erschweren. In diesem Punkt will die EU einheitliche Regelungen forcieren. Gleiches gilt für eine eher technische Frage: Wie können sich Nutzer von Cloud-basierten B-2-B- und B-2-C-Services authentifizieren? Auch in diesem Bereich herrscht eine fröhliche Vielfalt, die jedoch aus Sicht von Nutzern unzumutbar ist. Gefordert ist laut dem Papier der EU-Kommission daher ein Single-Sign-on-Verfahren, also ein einheitlicher Log-in-Mechanismus für den Nutzer, wenn dieser mehrere Cloud-Services verwendet.

Neelie Kroes, Vizepräsidentin der EU-Kommission und Leiterin der Kommission „Digitale Agenda“, hat für 2013 und 2014 ehrgeizige Ziele ausgegeben, um Cloud Computing in Europa voranzubringen.(Bild: Europäische Kommission)

Erste Herausforderung: Standards müssen her

Um dem Problem mit den –nicht vorhandenen – Cloud-Standards beizukommen, schlägt die EU-Kommission eine Zertifizierung von Cloud-Diensten und der zugrundeliegenden IT-Technik durch unabhängige Fachleute vor. Bislang gibt es nur erste Ansätze, um Cloud-Standards zu entwickeln, etwa durch das amerikanische National Institute of Standards and Technology (NIST). Nun hat das European Telecommunications Standards Institute (ETSI) eine Cloud Group eingerichtet. Sie soll bis 2014 ein Zertifizierungsverfahren entwickeln. Allerdings ist dies ein sportiver Zeitplan. Hinzu kommt, dass nicht nur Cloud-Service-Provider aus der EU mit ins Boot genommen werden müssen, sondern speziell Firmen mit Sitz in den USA, etwa Amazon, Google und Microsoft.

Zweite Herausforderung: Transparente Verträge sind gefragt

Im Rahmen der Digitalen Agenda will die Europäische Union zudem einen weiteren Stolperstein beseitigen, der den Einsatz von Cloud Computing behindern kann: komplexe und für den Anwender undurchschaubare Verträge, die mit Fallstricken gespickt sind. Speziell „große“ Anbieter von Cloud Computing-Diensten haben es in dieser Disziplin zur Meisterschaft gebracht, nach dem Motto: „Vorteile zu mir, Nachteile besser auf den Kunden abwälzen“. Entsprechend erklärten die Marktanlysten von Gartner Anfang des Jahres die Service Level Agreements (SLAs) einiger Cloud-Großanbieter für – gelinde gesagt – lückenhaft. Hier ist Nachbesserung angesagt, speziell bei Verträgen zwischen Cloud-Service-Providern und Kunden, die in unterschiedlichen Ländern angesiedelt sind. Die Kommission verweist zwar auf Bemühungen von Industrie- und Wirtschaftsvereinigungen, Vorlagen für faire Abkommen auf freiwilliger Basis zu entwickeln und anzuwenden. Alleine, es fehlt der Glaube, dass diese Regelungen auch umgesetzt werden. Bis Ende 2013 will die EU-Kommission daher Standardmodelle für Service Level Agreements im Bereich Cloud Computing entwickeln – zusammen mit den Service-Providern. Zudem soll das Common European Sales Law entsprechend angepasst werden. Das heißt, es werden Standardklauseln erarbeitet, die sich auf die Nutzung von Cloud Computing-Diensten beziehen und vor allem private Nutzer und kleine Unternehmen schützen sollen.

Dritte Herausforderung: Cloud Computing im öffentlichen Sektor voranbringen

Eigentlich sind Behörden und öffentliche Einrichtungen klassische Cloud Computing-Nutzer: Häufig verwenden sie dieselben Fachverfahren, haben vergleichbare Anforderungen in Bezug auf Datenschutz und Datensicherheit – und sind immer knapp bei Kasse. Auch der letztgenannte Punkt spricht für die Nutzung von Cloud-Services, lassen sich IT-Ressourcen über eine Cloud doch nach Bedarf bereitstellen. Doch das Urteil der EU-Kommission zu den Cloud-Initiativen im öffentlichen Bereich von Ländern wie England, Frankreich und Deutschland fällt wenig schmeichelhaft aus: Es dominierten nationale oder regionale Einzelinteressen; die Integration von Cloud-Services und der „normalen“ IT sei mangelhaft. Kurzum: Der Bürger erhalte für sein Geld zu wenig. Der Lösungsansatz der EU klingt allerdings eher nach Ratlosigkeit denn Tatkraft. Noch 2013 soll eine European Cloud Partnership (ECP) initiiert werden, die als Dach für die nationalen Behörden-Cloud-Initiativen der Länder dient. Entsprechend „luftig“ sind die Aktivitäten, die im Rahmen der ECP anlaufen sollen, etwa eine Analyse der speziellen Anforderungen von Behörden an Cloud Computing-Dienste oder die Förderung von Initiativen, welche die Bereitstellung solcher Services für Behörden zum Ziel haben. Im Klartext: Vermutlich werden die EU-Bürger noch einige Zeit lang warten müssen, bis sie das bekommen, wofür sie mit ihren Steuern bezahlen.

Fazit: Lange Reise, aber richtiger Weg

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die Maßnahmen, welche die EU-Kommission im Rahmen der Digitalen Agenda im Bereich Cloud Computing ergreifen möchte, sind richtig. Denn allen Skeptikern zum Trotz, eröffnet gerade für ein Land wie Deutschland, das von mittelständischen Unternehmen geprägt ist, der Zugang zu IT-Services und Ressourcen wie Rechenleistung und Storage-Kapazitäten neue Möglichkeiten. Solche Firmen können – endlich – vergleichbare IT-Ressourcen nutzen wie die „Großen“, und das bei überschaubarem Aufwand. Allerdings sollten potenzielle Nutzer nicht den Fehler machen, allzu lange zu warten, bis sie Cloud Computing zumindest testen. Denn die Mühlen der EU-Bürokratie sind nicht dafür bekannt, dass sie über ein Turbo-Mahlwerk verfügen. Besser ist es, sich bereits jetzt mit Cloud Computing vertraut zu machen und nicht auf EU-weite Regelungen und Standards zu warten.

Seite teilen

Must Reads von anderen Tech-Seiten
silicon.de: Safe-Harbor-Nachfolger – EU-Datenschützer verlangen Nachbesserungen Weiterlesen

 

CANCOM.info: Drei Gründe für die Hybrid Cloud – Das leistet der Cloud-Mix in Unternehmen Weiterlesen

 

Scope Online: Cloud Computing in der Produktion – Drei Mythen über Business Cloud-Lösungen  Weiterlesen

Pressemitteilungen

München/Köln, den 30. Juni 2016 – In der umfassendsten Analyse des deutschen Marktes für Cloud-Computing-Services im B2B-Bereich ... Weiterlesen
Köln, den 21. Juni 2016 – PIRONET macht Anwendern den Umstieg auf die neue Anwendungssuite SAP S/4HANA ab sofort besonders leicht: Kunden ... Weiterlesen
München/Köln, 19. April 2016 – Der IT-Konzern CANCOM hat einen neuartigen Marktplatz für Softwareanwendungen aus der Cloud ... Weiterlesen
München/Köln, den 18. Februar 2016 – Das Immobilien-Unternehmen Tectareal hat nach der Herauslösung aus dem Hochtief-Konzern ... Weiterlesen