Analysen
11. September 2014
AUTOR: Businesscloud.de

Apple und die Echternacher Springprozession

Weder dem verstorbenen Apple-Genius Steve Jobs noch seinem langjährigen Adlatus und Nachfolger Tim Cook dürfte der Begriff „Echternacher Springprozession“ bekannt (gewesen) sein. Dabei beschreibt er ziemlich genau, was Apple in den vergangenen Jahren in puncto Cloud-Strategie an den Tag legte. Bei besagter Prozession geht es nicht schnurstracks voran. Vielmehr legen die Teilnehmer eine eher beschaulich-anarchische Schrittfolge an den Tag: Zwei, drei oder vier Schritte rechts, dasselbe nach links, ein bisschen nach vorne, dann wieder zwei, drei, vier Schritte rechts und so weiter.

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Mit iCloud Drive wagt Apple einen neuen Anlauf in Sachen Cloud Computing. Bild: Apple

Klar, auch auf diese Weise kommt man irgendwann einmal ans Ziel. Doch während man diese Fortbewegungsform im Rahmen einer Prozession mit ihrem meditativ-besinnlichen Charakter durchaus akzeptieren kann, ist das bei einem börsenorientierten Unternehmen anders. Vor allem dann, wenn es sich um eine amerikanische Firma handelt, für die bekanntlich „profit“ und „shareholder value“ heilige Kühe sind.

Zuerst das merkwürdige MobileMe - dann der nette Versuch mit iCloud

Dennoch muss sich bei Apple eine Art „Echternach Spirit“ breitgemacht haben, wenn es um Cloud-Dienste geht. Da gab es beispielsweise das nette MobileMe - groß angekündigt auf Apples World Wide Developers Conference 2008 (WWDC), als Nachfolger des .Mac-Dienstes. Eine zentrale Funktion von MobileMe: Der Cloud-Service unterstützte das Synchronisieren von E-Mails, Kalenderdaten und Adressen auf Mac-Systemen UND mobilen Geräten wie dem iPhone. Dagegen war .Mac auf Nutzer von Apple-Desktop- und Notebook-Rechnern ausgelegt.

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Kein Erfolgsmodell: MobileMe stellte Apple 2008 vor, um den Cloud-Service dann drei Jahre später wieder abzukündigen. Bild: Apple

Allerdings kappte Apple Features von .Mac, die für Arbeitsgruppen wichtig waren, etwa den gemeinsamen Zugriff auf elektronische Schwarze Bretter und Kalendereinträge. Auf der WWDC 2011 war von MobileMe keine Rede mehr. Dort zauberte Apple ein neues Cloud-Computing-Modell aus dem Hut, die iCloud. Egal, dass der Zwangsumzug von MobileMe-Usern in die iCloud erhebliches Befremden bei den Nutzern hervorrief. Dafür gab es als Belohnung weitere Funktionen: Der Nutzer kann Fotos und iTunes-Einkäufe auf seinen Apple-Systemen synchron halten sowie Notizen und die Bookmarks des Safari-Browsers abgleichen. Gleiches gilt für Passwörter, die Apple-Endgeräte im „Schlüsselbund“ speichert, und für die „Erinnerungen“-Funktion. Und, ganz toll: Es steht ein Web-Frontend mit iWork-Anwendungen zur Verfügung. Appleianer haben nun die Möglichkeit, Text-Dokumente, Präsentationen und Spreadsheets online zu bearbeiten und in der iCloud abzulegen.

Finger weg von Ordnern!

Bei Nutzern von Googles Text & Tabellen dürfte iCloud-iWork dagegen nur ein müdes Lächeln hervorgerufen haben, steht diese Anwendung doch bereits seit 2006 zur Verfügung. Ebenso User von Box, Dropbox und Co., auch die mit Apple-Endgeräten, zeigten sich wenig begeistert von einer speziellen iCloud-Marotte: Sie erlaubt keinen Zugriff auf Ordner. Mal schnell einen Folder „Geschäftsunterlagen“ anlegen, geht nicht. Die iCloud ist aus Nutzersicht so transparent wie Pekings Skyline an einem Mega-Smog-Tag. Apple wollte den Nutzer vor der „Komplexität“ des Herumwühlens in Ordnern schützen – ein gut gemeinter Versuch, aber vielleicht ein wenig zu viel des Guten.

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Da sind sie ja! Mit iCloud Drive können Nutzer endlich nach Belieben auf Ordner und deren Inhalte zugreifen und sogar nach Belieben Folder anlegen und löschen. Für Apple eine Revolution! Bild: Apple

Jetzt wird mit Yosemite, iOS 8 und iCloud Drive alles gut

Doch Echternach hin, Springprozession her: Allmählich scheint Apple herausgefunden zu haben, wohin die Reise in Sachen Cloud gehen soll. Und wieder war es die WWDC, dieses Mal die im Juni 2014, auf der Apple Versuch Nummer vier vorstellte: iCloud Drive. Ein wesentliches Merkmal: Ebenso wie bei Dropbox, Box, OneDrive oder Google Drive taucht nun ein iCloud-Laufwerk im Finder (dem „Explorer“ von iOS/Mac OS) auf. Der Nutzer hat somit endlich Zugang zur Ordnerstruktur und kann diese nach eigenen Vorstellungen verändern. Das können die erwähnten Konkurrenzprodukte schon lange. Ebenfalls neu: Der Zugang zu bestimmten Daten, etwa Fotos, Grafiken oder einem Dokument, das mithilfe der Apple-Textverarbeitung Pages erstellt wurde, war nur über die entsprechenden Anwendungen möglich. Jetzt tauchen im Finder die Ordner auf, die den einzelnen Anwendungen zugeordnet sind. Das heißt, die „Sandboxes“, in denen sich die Applikationsdaten befinden, bleiben zwar nach wie vor erhalten. Aber im Gegensatz zu MobileMe und iCloud gibt es wesentliche Unterschiede: Erstens sieht der Nutzer diese Ordner, und zweitens können jetzt unterschiedliche Anwendungen auf Dokumente in einer Sandbox zugreifen, sie dort aufrufen, bearbeiten und wieder speichern. Bislang mussten die entsprechenden Daten in den Anwendungsordner der entsprechenden Applikation kopiert und anschließend wieder zurück transferiert werden. Ebenfalls neu ist „Mail Drop“: Mit der Mail-Anwendung von Mac OS X lassen sich Mails mit Dateianhängen von bis zu 5 GByte versenden. Das Attachment wird dabei auf iCloud Drive gespeichert. Der Empfänger empfängt mit der Nachricht einen Download-Link und lädt den Anhang herunter – eine feine Sache, die den Transfer großer Dateien vereinfacht.

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iCloud Drive erscheint gemeinsam mit der Mac-OS-X-Version 10.10 (Yosemite) und iOS 8. Bild: Apple

iCloud Drive als Alternative zu Dropbox und Co.?

Böse Zungen behaupten, mit iCloud Drive habe Apple gewissermaßen einen Doppelsalto vorwärts/rückwärts geschlagen, um vor allem dem Rivalen Dropbox eines auszuwischen. Denn Dropbox hat sich beispielsweise erdreistet, eine Foto-Streaming-Funktion zu integrieren – à la Apple. Folglich stellt iCloud Drive jetzt File-Sync-Features bereit – à la Dropbox. Allerdings gibt es da noch ein paar Kleinigkeiten. So bleibt bislang unklar, ob iCloud Drive ein ähnliches Rechtemanagement bietet wie Dropbox und Box. Denn das ist für Firmenkunden ein zentraler Punkt: Es müssen sich unabhängig vom „Besitzer“ von Dateiverzeichnissen Zugriffsrechte vergeben lassen, etwa dann, wenn Mitglieder einer Arbeitsgruppe gemeinsam Dokumente bearbeiten. Und die Rechtevergabe muss granular erfolgen: Kollege Müller darf alle Dokumente bearbeiten, Kollegin Meier nur bestimmte Unterlagen, und Kollege Schulze hat nur Leserechte. BusinessCloud_Apple_iCloud_drive_Dropbox

Einer der Erzrivalen. Angeblich wollte noch der verstorbene Apple-Genius Steve Jobs einen „Dropbox-Killer“ auf den Markt bringen. Bild: Dropbox

Solche Funktionen sind jedoch unabdingbar, um eine Cloud-basierte „Collaboration“ umzusetzen. Und da Apple verstärkt den „Enterprise“-Bereich mit seinen Endgeräten durchdringen will, muss sich der Hersteller in dieser Beziehung etwas einfallen lassen.

Voraussetzung: Vertrauen in Apples Integrität

Und noch ein Haken bleibt: Ebenso wie die Nutzer von Dropbox, OneDrive oder Amazons und Googles Cloud-Storage-Diensten müssen auch User von iCloud Drive ein gewissen Gott- beziehungsweise Apple-Vertrauen aufbringen. Denn die Daten werden stets auf Servern beziehungsweise Storage-Systemen der jeweiligen Unternehmen gelagert. Das ist an sich nichts Schlimmes. Denn Daten, auch „unternehmenskritische“, sind im Rechenzentrum eines Cloud-Service-Providers meist besser aufgehoben als in weniger gut ausgestatteten und abgesicherten „Server-Räumen“ und firmeninternen Data-Centern. Doch auch Apple ist nun einmal eine amerikanische Firma. Und US-Unternehmen müssen auf „Wunsch“ von amerikanischen Behörden und Geheimdiensten Daten ihrer Kunden herausrücken. Das wird Firmenkunden in Deutschland und Europa sicherlich nicht gefallen.

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